Are You Ready For The 21st Century? Michel Cartier versus Ilse Aigner

In Berlin war gerade grüne Woche. Zur Eröffnung hat die Landwirtschaftministerin Ilse Aigner angekündigt, dass sie im Rahmen der Aktion “Einmaleins der Verbraucherkompetenz” in einer bundesweiten Bildungsinitiative bei Schülern das Bewusstsein fuer gesundes Essen wecken will (neben den anderen beiden Aspekten keine Schulden und sichere Daten im Internet). Zudem hat sie fuer eine Wertschaetzung von qualitativ hochwertigen Lebensmitteln geworben. Das sind Aussagen, die – geauessert von Frau Aigner – einen interessante Widerspruch illustrieren, der uns in Zukunft wohl oefter begegnen wird.

Frau Aigner ist nämlich zunaechst – soweit ich das als jemand, der der Tagespolitik nur in begrenztem Maße folgt – eher jemand, der fuer die Interessen der Lebensmittelindustrie sowie  Gen- und Chemiekonzerne steht, das unzulaengliche Verbraucherinformationsgesetz verteidigt und die Lebensmittelampel in Deutschland verhindert hat. Ihre Politik steht im diametralen Gegensatz zu den Interessen der Verbraucher, die sich gesunde Lebensmittel zu einem erschwinglichen Preis wuenschen. In comes web 2.0.  Wie so oft fuehre ich eines meiner Lieblingsbeispiele barcoo, bzw. jetzt woabi an, das kleine smartphone gadget, dass die Ampel eben doch per barcodescanner auf jedes Handy bringt, incl. Angaben zu gentechnisch modifizierten Bestandteilen etc. Was einen fundamentalen shift zum alten Aktivisimus a la foodwatch und greenpeace bedeutet, da hier dem Problem (ungesundes oder verseuchtes Essen) auf einer neuen kommunikativen Ebene begegnet wird. Greenpeace bedient sich (traditionell) der klassischen Kommunikationsformen – lauter – höher – weiter. Die Organisation bekämpft die Industrie mit ihren eigenen PR-Mitteln und hat dadurch hohe Sympathien aber nur begrenzte Möglichkeiten, wirklich etwas zu ändern. (Das Konzept) Barcoo dagegen hat Massenappeal – es ist nuetzlich, es  ist alltagsrelevant und es ist in der Lage Industrien komplett auszuhebeln. Warten wir ein, zwei Jahre, mashen die Verbraucherschutzdatenbanken mit einer AR app auf dem next after next generation iphone und schon muessen wir nur einmal das Regal im Supermarkt scannen, um lauter kleine rot blinkende Totenkopficons auf dem Display zu bekommen. Kleiner Hinweis am Rande – schon mal zu Hause im Bad nach Parabenen gesucht (geht auch ohne scanner)? Diese krebserregenden Substanzen sind in fast allen Kosmetika, Koerpercremes und Pflegeprodukten, die kein Biosiegel haben.

Der eingangs erwähnte Widerspruch  wird in dieser kleinen Gegenueberstellung evident. Auf der einen Seite die Ministerin, die die alten Kanäle (TV, PR, PR on the web) benutzt, um irreführende und falsche Botschaften in die Welt zu setzen, auf der anderen Seite der Konsument, der die Botschaft auch ohne Chemiegrundstudium, ja, im Prinzip ohne Schulabschluss überprüfen kann. Auf die Markenwelt übertragen ist Frau Aigner eine klassische alte Marke (vergleiche auch mein post zu alten und neuen Marken) – das Markenimage ist gut und up to date (Einmaleins der Verbaucherkompetenz, klasse ;-) – das Produkt hält aber leider gar nicht, was die Marke verspricht, im Gegenteil, es ist eine Mogelpackung. Frau Aigner ist gar nicht auf der Seite der Verbraucher, die sie schuetzen soll. In den neuen Kanälen (social networks, user generated content, content mashups) wird diese falsche, alte Markenkommunikation geprüft und als Lüge entlarvt.

Dieser Kampf, diese widersprüchliche Enwicklung wird gegenwaertig an vielen Fronten ausgetragen. Die neuen Kanäle sorgen dafür, dass eine starke Tendenz der kommenden Jahre die Auflösung der alten diskursprägenden Strukturen sein wird, die auf Geld (Media und PR Budgets) und Macht (Verkettung der Eliten in Medien, Lobbys und staatlichen Institutionen) basieren. Das Resultat ist ein anderes, mündigeres Konsum- wenn nicht sogar Bürgerverhalten.

Sobald aber unmittelbar wirtschaftliche Interessen beruehrt werden, setzen die alten Institutionen alle Hebel in Bewegung, um die Entwicklungen zu stoppen (ist ja auch klar, es geht ja um die Existenz).  Das greift bereits heute schon sehr deutlich ueberall da, wo das alte System der Kontrolle ueber die Distributionskanäle die Grundlage des Geschäftsmodells darstellt, nämlich in den Kultur- und Medienindustrien. Die Musikindustrie vertritt seit Jahren ihre Interessen vor Gericht (gegen ihre Kunden) und verbreitet Angst, Verlage fordern Entschädigungen von Google (und stossen auf Verstaendnis bei der Politik), die Politik selbst weist (infolge von Unkentnis?) Zensurtendenzen auf, Zensursula duerfte jedem ein Begriff sein. Andere Bereiche der Kommunikationsindustrie wie z.B. die klassischen Werbe- und Kreativagenturen versuchen sich mit den neuen Realitaeten zu arrangieren. Ganze Wertschöpfungsketten geraten durcheinander oder lösen sich auf.

Wie wird das ganze ausgehen? Keine Ahnung, aber es stehen uns interessante Zeiten bevor.

Vor ein paar Tagen ist der folgende Video des kanadischen Kommunikationswissenschaftlers Michel Cartier an mir vorbeigetwittert, der mich nicht mehr losgelassen hat, da er (ab 5:00) sehr anschaulich ein paar zentrale Tendenzen, wenn nicht Zukunfstvisionen unserer Gesellschaft illustriert. Zwei davon – consumer society  und die participatory society – sind die Pole des oben beschriebenen Spannungsfeldes. Cartier beschreibt noch zwei weitere – state security society und green sociecty. Der Blog, in dem ich das ganze gefunden habe, beschreibt diese vier folgendermaßen:

“In this video, at the end Michel offers a brief glimpse of four possible worlds in which we may want to live .. consumerist, (renewed) participative democracy, environmentally conscious, and oligarchic soft fascism (security state). Up to us, he says.  Which will it be ?”

Ich denke, es wird eine Mischung aus allen vieren sein, gesellschaftliche Entwicklungen sind eben mehr grau als weiss oder schwarz.

Are You Ready for the 21st Century ? from Michel Cartier on Vimeo.

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